Anna Lindh, die sechsundvierzigjährige Mutter zweier Söhne und schwedische Außenministerin, rief in den Menschen dieselbe Sympathie hervor wie ihr Land als solches in den Augen der Welt. Es ist bereits von einer Reihe von amerikanischen und europäischen Kommentatoren gesagt worden und braucht hier nur bestätigt zu werden: die humorvolle und kluge Anna Lindh verkörperte wirklich zu einem erheblichen Maß die allgemeine Vorstellung von den Schweden - mit ihrer freundlichen Offenheit, ihrem Großmut und ihrem Überblick, ihrem Gefühl für Gerechtigkeit und Fair Play.

Nicht nur für die Schweden ist es deshalb schwer faßbar, daß man von dieser Frau jetzt in der Vergangenheit sprechen muß. Am Mittwoch wurde sie bei Einkäufen in einem Stockholmer Einkaufszentrum von einem unbekannten Angreifer niedergestochen. Zehn Stunden später starb Anna Lindh im Krankenhaus. Bis zum Redaktionsschluß von Respekt waren weder der Mörder noch das Motiv bekannt, ebenso wenig wie - in dieser Stunde freilich völlig zweitrangig - das Ergebnis der schwedischen Volksabstimmung über die Einführung des Euro, eine Frage, in der die beliebte Ministerin zu den artikuliertesten Befürwortern zählte.

„Das Ende der schwedischen Weltoffenheit?“ titelte das amerikanische Time Magazine seinen Bericht über den Mord, andere Kommentatoren hielten sich gar nicht erst mit dem Fragezeichen auf. Nicht zuletzt die Tschechen sollten sich allerdings wünschen, daß die schwedische Offenheit mit dem Tod Anna Lindhs hoffentlich nicht zu Ende ist. Wo anders könnten wir ein so attraktives Beispiel dafür finden, wie das Regieren und Regiertwerden in Tschechien und anderswo in Europa einmal aussehen könnte?

Freiraum ohne Blaulichter

Der informelle Charakter skandinavischer Politik ist eine bekannte Größe. Aber auch die amerikanischen und britischen Medien betonten, sichtlich überrascht, in ihren Nachrichten, daß die Außenministerin alleine und ohne Bodyguard einkaufen gegangen war. Den Einheimischen zufolge ist es in Stockholm nicht ungewöhnlich, Regierungspolitikern auf der Straße zu begegnen oder mit ihnen im öffentlichen Personennahverkehr ins Gespräch zu kommen.

Während hierzulande so mancher Funktionär aus der zweiten Reihe als Muß für seine Arbeit ein Auto mit Martinshorn verlangt, sind schwedische Politiker stolz darauf, ohne solche Privilegien auszukommen. „Wir sollten unseren Freiraum verteidigen, in dem kein Platz für Blaulichter und Sirenen ist,“ erklärte in einem ihrer letzten Interviews Anna Lindh selbst. Aus dem hundert Kilometer entfernt gelegenen Norrköping, wo sie mit ihren Söhnen und ihrem Ehemann (einem Lokalpolitiker) lebte, pendelte sie per Bahn. Wie sollte es auch anders sein: zuvor war sie als Umweltministerin in der Regierung vertreten.

Das Beispiel schwedischer Politiker zeigt, daß man auch in der internationalen Spitzenpolitik am Boden bleiben kann. Nach Mitteilung der Tageszeitung Göteborgs Posten genierte sich Anna Lindh auch als Chefin der schwedischen Diplomatie nicht, weiterhin wie andere schwedische Mütter „mit einem Rucksack auf dem Rücken und einem Kind an jeder Hand“ umherzugehen. Die Zeitung Svenska Dagbladet erinnert an den Todesfall, der jedem sofort ins Gedächtnis springt, nämlich den Mord an Premierminister Olof Palme im Februar 1986: „Palme kam abend aus dem Kino, Anna Lindh kaufte ein Kleid - genau wie die einfachen Leute, die sie vertreten haben.“

Warum die Unkenrufe?

Die Weltpresse erinnert uns automatisch an weitere bekannte Attentate, von der Erschießung Palmes bis zum kürzlichen Fall des serbischen Premiers Zoran Djindjic. Dabei gibt es aber einen Unterschied: im Falle Anna Lindhs ahnte zumindest in den ersten Tagen niemand, worin das Motiv bestehen könnte. Wahr ist zwar, daß die schwedische Ministerin mit ihren Ansichten nicht hinter dem Berg gehalten hat, so hat sie z.B. ein klares „Nein“ gegen den amerikanischen Feldzug im Irak ausgesprochen (wie von einem Repräsentanten eines traditionell neutralen Staates zu erwarten), aber andererseits vor dem jkReferendum ihr klares „Ja“ zum Euro verkündet (und das war in Schweden noch letzte Woche die Meinung einer knappen Minderheit). Weder der zu Ende gegangene Krieg noch der Euro waren aber im Schweden dieser Tage derart aufrüttelnde und emotionsgeladene Themen, daß jemand ihretwegen Attentate verüben würde.

Nach den ersten Tagen war nur so viel bekannt, daß es sich beim Angreifer um einen hochgewachsenen jungen Mann mit schlechter Haut in einer Bomberjacke handelte, den eine der Kameras im Kaufhaus erfasst hatte. Nach den Informationen vom Wochenende deutet alles darauf hin, daß es sich um einen unvorhersehbaren Angriff ohne tieferen politischen Zusammenhang handelt, der wohl nur durch die ununterbrochene Anwesenheit von Bodyguards hätte verhindert werden können. MF Dnes schrieb am 12. September: " die Auswirkungen des verspürte Schweden unverzüglich - künftig werden Politiker nie mehr so volksnah sein", konkret nämlich würden „Minister nicht mehr in öffentlichen Verkehrsmitteln fahren und ohne Bodyguards in Kaufhäusern einkaufen“. Da sieht jemand voreilig schwarz: das ist nach dem Mord an Olof Palme nicht geschehen, warum sollten sie jetzt damit anfangen? Der Premierminister Goran Persson betonte vielmehr: „wir wollen eine Gesellschaft, in der sich jeder frei und sicher bewegen kann - auch der Außenminister“. Es wäre nicht nur für Schweden eine schlechte Nachricht, wenn das dortige Gemeinwesen sich von dieser seiner Entschlossenheit und seiner Lebensart verabschieden sollte.

Was ist der größere Verlust

Abschließend ein Wort zur Volksabstimmung: die Überlegungen und „Analysen“, die sofort laut geworden sind, nämlich, ob der Tod Anna Lindhs jetzt die noch Unentschlossenen an die Wahlurnen treibt, sind überflüssig und zynisch. Als ob alles in der Politik, auch der Tod, danach bewertet werden müßte, wer davon profitiert. Was den Euro anbelangt, so dürfen die Schweden ihre ernsthaften Zweifel haben - im Unterschied zu Tschechien, das wirtschaftlich eng an Deutschland, die stärkste Volkswirtschaft der Eurozone, angebunden ist. Die Gründe für ein Ja überwiegen leicht, aber auch wenn die Schweden den Euro ablehnen und erst in zehn Jahren wieder über ihn abstimmen, so ist doch der Verlust für das Land wesentlich geringer als der, den es mit dem Tode Anna Lindhs erlitten hat.

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