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Respekt auf Deutsch16. 6. 20066 minut

Geliebter Alkohol

Die Bilanz las sich wie jedes Jahr: Abermals haben die Tschechen den Weltrekord im Biertrinken aufgestellt. Dennoch hatte der Bericht etwas Besonderes: Zu den stärksten Trinkern in Europa gehören auch die tschechischen Jugendlichen.

Autor fotografie: Tomki Němec • Autor: Respekt
Autor fotografie: Tomki Němec • Autor: Respekt

Die Bilanz las sich wie jedes Jahr: Abermals haben die Tschechen den Weltrekord im Biertrinken aufgestellt. Dennoch hatte der Bericht etwas Besonderes: Zu den stärksten Trinkern in Europa gehören auch die tschechischen Jugendlichen. Die Tatsache, dass sie dabei auch noch einen Joint rauchen oder Ecstasy nehmen, brach dem Drogenbeauftragten der Regierung, Josef Radimecký, Ende 2004 das Genick. Bevor er gehen musste, gelang ihm allerdings noch ein revolutionärer Schritt. Er überzeugte die Regierung, dass sie auf ihre Liste der zu bekämpfenden Drogen neben Marihuana und Heroin auch Alkohol setzte.

Die Tschechen sind schon seit langem Rekordhalter im Alkoholkonsum. Und von Jahr zu Jahr trinken sie immer mehr. Betrug der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch 1990 noch 177 Liter, so waren es im vergangenen Jahr bereits neun Liter mehr. In der EU gehört Tschechien neben Luxemburg, Portugal, Irland und Frankreich zu den fünf Ländern, deren Bürger am meisten zur Flasche greifen. Die junge Generation hält dabei tüchtig Schritt: Nach den Ergebnissen eines europäischen Schulprojekts über Alkohol und Drogen haben nur die österreichischen Teenager die jungen Tschechen beim Trinken noch übertrumpft.

Reklama

Kinder auf Entzug

Die Situation ist alarmierend, warnen Experten. In Prag musste bereits das erste Entzugszentrum für Kinder eingerichtet werden. Die Ärzte sind fassungslos, dass es heute bereits jugendliche Patienten mit Leberzirrhose gibt. Ebenso wird jede Woche über Verkehrsunfälle berichtet, die von Fahrern verursacht werden, die unter Alkoholeinfluss standen.

Experten aus Tschechien und ihre ausländischen Kollegen von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind sich über die Hauptursachen für den übermäßigen Alkoholkonsum einig: Der erste Grund ist der Preis. Nach einer Analyse der WHO in 100 Ländern der Welt nimmt Tschechien Platz neun ein auf der Rangliste der Nationen mit dem – gemessen am Bruttoinlandsprodukt – billigsten Bier. Zudem gehört es zu den Ländern, in denen ein Bier im Restaurant billiger ist als ein nichtalkoholisches Getränk.

Der zweite Grund für die große Beliebtheit von Alkohol in Tschechien sind die vielfältigen Möglichkeiten der Alkoholwerbung. Einzige Einschränkung: Im Umkreis von 300 Metern um Schulen dürfen keine Werbeplakate für Alkohol geklebt werden. In den alten EU-Ländern sind die Werbemöglichkeiten in den Medien viel stärker begrenzt.

Es ist zwar verboten, Alkohol an Jugendliche unter 18 Jahren auszuschenken oder zu verkaufen. „Doch wenn das in Restaurants nicht eingehalten wird, wird gegen deren Inhaber sowieso nichts unternommen“, sagt Ladislav Csémy vom Psychiatrischen Institut in Prag. „Sie erhalten zwar eine Strafe, aber die wird in der Regel nicht bezahlt.“ Wie eine Studie des Vereins Prev-Centrum in Zusammenarbeit mit der tschechischen Akademie der Wissenschaften unter zehn- und elfjährigen Kindern aus 25 Prager Grundschulen ergab, war es für die Hälfte der Schüler aus den fünften Klassen kein Problem, in Geschäften Alkohol oder Zigaretten kaufen zu können. „Das System von Prävention und Heilung bei Alkoholismus, das bis 1989 bestand, ist zusammengebrochen“, nennt der abberufene Drogen-beauftragte Radimecký eine weitere Ursache für den zunehmenden Alkoholmissbrauch. Nicht zuletzt spielt nach den Worten von Experten auch die Tradition eine große Rolle: 90 Prozent der Tschechen bezeichneten in einer Umfrage im Oktober vergangenen Jahres Bier als das Nationalgetränk und eines der Dinge, auf das sie im Ausland stolz sein können.

Die Gründe sind also klar. Und die Lösungsmöglichkeiten mehr oder weniger auch, über sie sind sich tschechische Experten und die WHO einig: eine Erhöhung der Konsumsteuer für Alkohol, ein beschränkter Zugang zu Alkohol durch die Vergabe von Verkaufslizenzen, eine strengere Kontrolle der Werbung, die Ausweitung der Prävention und die Einbindung von Ärzten in diese Arbeit. Dennoch tut sich in Tschechien im Unterschied zu weiteren EU-Ländern mit ähnlichen Problemen nichts. Es gibt seit 1989 immer noch keine Novelle für das „Gesetz zum Schutz vor Schäden durch Alkoholgenuss“. Die Abstimmung über die Novelle, die unter anderem auch die Einführung von Verkaufslizenzen für Alkohol vorsieht, wurde vom Parlament Mitte Dezember abermals verschoben. Gerade diese Lizenz hat jedoch den Kinder- und Jugendschutz im Blick. Sollte ein Wirt Jugendlichen Alkohol ausschenken, würde er die Lizenz und damit seine Lebensgrundlage verlieren.

Warum eigentlich tun sich Gesetzgeber und Regierung, die die Einführung strenger Regeln für Zigarettenwerbung und die Bekämpfung von Marihuana-Konsum als notwendig erkannt haben, so schwer mit einem Feldzug gegen den Alkohol? „Die Politiker trinken doch selbst, Alkohol ist ein normaler Bestandteil der Politik“, sagt Michal Miovský von der Akademie der Wissenschaften. „Erinnern Sie sich an Miloš Zeman. Und im Wahlkampf wird Freibier ausgeschenkt.“ Josef Radimecký wirft den Politikern eine „falsche Moral“ vor: „Einerseits treten sie hysterisch gegen Marihuana auf, andererseits reden sie die Probleme mit Alkohol klein. Sie lehnen es sogar ab, Alkohol als Droge einzustufen. Dazu kommen wirtschaftliche Interessen.“ Letzteres geben auch einige Parlamentarier zu. „Der Druck von Seiten der Restaurantbetreiber und des Alkohol-Handels ist groß“, sagt der Abgeordnete Josef Janeček (KDU-ČSL).

Führende tschechische Politiker sind jedoch der Ansicht, dass mit Verboten nicht geholfen ist. Finanzminister Bohuslav Sobotka lehnt eine Erhöhung der Konsumsteuer für Alkohol ab. Dennoch bleibt trotz aller Skepsis ein Hoffnungsschimmer: Die Regierung hat zum ersten Mal den Alkohol in ihre Anti-Drogen-Strategie aufgenommen und ihm den Kampf angesagt. Jetzt sollten auch alle Maßnahmen dazu ergriffen werden: begrenzter Zugang, Kontrolle der Werbung und Preisanhebung.

Tschechische Fassung hier.


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