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Respekt auf Deutsch8. 7. 20096 minut

Mährer auf schottischem Weg

Eine neue Generation von Regionalpatrioten setzt sich für die Eigenständigkeit des historischen Landesteiles ein

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Prager Zeitung
Jiří Novotný • Autor: Tomki Němec
Jiří Novotný
Jiří Novotný • Autor: Tomki Němec

Man könnte es auch als ein weiteres Wahldebakel beschreiben. Für den 30-jährigen Jiří Novotný bedeuten jedoch die 10000 Stimmen, die bei den Europawahlen für seine Partei „Moravané“ („Die Mährer“) abgegeben wurden, keinen Grund zum Pessimismus. „Einmal kommt der Durchbruch, und wir werden erfolgreich sein“, sagt der schlanke, selbstbewusst-freundliche junge Mann, der einen Zopf sowie ein T-Shirt mit dem mährischen Landeswappen trägt. Seine Partei hat ein einziges Ziel: Ein selbstverwaltetes Mähren, unabhängig von Böhmen. Im Vergleich zum Beginn der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als mährische Parteien mit dem gleichen Programm in Parlamente einzogen und Millionen Unterstützer hatten, erscheinen diese Bemühungen heute als aussichtsloses Unterfangen. Aber viele junge Menschen in Mähren sehen das genauso wie Jiří Novotný anders – sie sind überzeugt, dass ihre Stunde kommt.

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Erfolge Anfang der 90er
Dass so etwas wie mährische nationale Ambitionen überhaupt noch existieren, daran wurde man in Tschechien durch lustige Animations-Wahlwerbespots erinnert. Die Hauptrolle spielten darin Figuren, die, in landestypische Tracht gekleidet und einen schwer verständlichen mährischen Dialekt sprechend, darüber klagten, wie „die Prager“ ihr Land aussaugen. Von den Medien wurden diese amateurhaften Spots eher als liebenswürdiege Kuriosität wahrgenommen, aber den Zweck haben sie erfüllt. Über die Partei der „Mährer“ wurde nach Jahren wieder gesprochen.

  • Autor: Respekt
• Autor: Respekt

Verantwortlich dafür ist ein Generationswechsel. Die mährische Bewegung ist zwar nach anfänglichen Erfolgen in den 90er Jahren auseinandergefallen und beinahe eingegangen, heute hat aber die Generation der 30-Jährigen das Ruder übernommen. Diese setzen nicht auf nationalistische Emotionen, sondern auf internationale Zusammenarbeit mit ähnlichen nationalen Emanzipationsbestrebungen in ganz Europa. Sie glauben an eine tiefere europäische Integration und hoffen trotz verschwindend geringer gesellschaftlicher Unterstützung darauf, dass Mähren irgendwann eigenständig sein wird. Angeblich innerhalb der nächsten fünf Jahre.

Am Anfang stand aber eigentlich etwas ganz anderes. Der damals 20-jährige Student Jiří Novotný war sehr frustriert darüber, wie in seinem Heimatort Manerov Politik gemacht wurde. Konkret mißfiel ihm, dass die Gemeindevertreter sich weigerten, sich mit seiner Forderung nach einer Wiederbelebung der zerstörten Allen und einer Begrünung der kahlen Felder zu beschäftigen. „Für sie war der Ort nur das, was zwischen den Häusern war. Dass zu einer Gemeinde auch die Landschaft herum gehört, interessierte sie nicht. Der junge Student begriff, dass er selbst Gemeindevertreter werden musste, um etwas zu verändern. Mit Kommilitonen stellte er eine Kandidatenliste zusammen und suchte eine Partei, für die sie kandidieren konnten. Da ihre Ambitionen nur lokal waren, kam eine der großen Parteien nicht in Frage. Und da sie sich alle als mährische Patrioten fühlten, traten sie in die damalige Mährische Demokratische Partei ein.

Hoffen auf Europa
Auf den jungen Mann, der fließend englisch konnte, wurde schnell die damalige Führung der Partei aufmerksam. Seine erste Aufgabe hieß: Den Eintritt der Partei in die „Europäische Freie Allianz“ sicherzustellen, die Regionalparteien vereint, die sich für Autonomie oder die Anerkennung von Minderheitenrechten einsetzen. Für Jiří war das eine interessante Herausforderung, und seine europäische Mission hat er erfolgreich erfüllt. „Diese Erfahrung hat mich davon überzeugt, dass unsere Bemühungen Sinn haben, das wir in Europa nicht alleine sind“, so der 30-Jährige. Die alten Matadoren der mährischen Bewegung schwelgten oft nur in Erinnerungen und jammerten über den jetzigen Zustand, erinnert sich Jiří. „Das bringt aber nichts. In Europa hebe ich gelernt, dass man nach vorne schauen muss.“ Deshalb vereinte er zwei eigenständige mährische Parteien zu „Moravané“, lancierte die Internetpräsenz und wurde schließlich Parteivorsitzender.

„Mähren hatte schon immer seine besondere zivilisatorische Mission“, erklärt Jiří mit ernster Mine, warum er sich neben dem Politologie-Studium und seiner eigenen Bio-Farm auch der mährischen Politik widmet. „Es war der erste slawische Staat, das Altslawische die vierte anerkannte liturgische Sprache, Comenius ist geborener Mährer und wirkte hier, die Kirche der Evangelischen Mährischen Brüder ist heute auf der ganzen Welt präsent“, zählt Jiří auf. „In der Schule wird natürlich bis heute glehrt, dass das Bestandteile der tschechisch-böhmischen Kultur seien. Das ist aber eine Lüge“, fügt er resolut hinzu.

Selbstständig in fünf Jahren
Das Ziel ist laut Jiří und seiner 350 Parteifreunde klar. Mähren sollte seine autonome Selbstverwaltung haben, wie es mehr oder weniger bis 1948 der Fall war. Ob das nun durch die Entstehung eines eigenständigen mährischen Staates oder die Aufteilung Tschechiens in zwei Bundesländer erreicht wird, ist angeblich zweitrangig. „Uns geht es nicht darum, unsere eigenen Pässe zu haben und unser eigenes Geld zu drucken – das ist im heutigen Europa Unsinn“, so Jiří. „Wir wollen als Mährer einfach nur unsere Dinge selbst verwalten und gestalten“. Die mährischen Patrioten verbinden ihre Hoffnungen – im Gegensatz zu den böhmisch-tschechischen – mit der EU. Sie hoffen auf die Entstehung eines europäischen Superstaates mit gemeinsamer Außen- und Sicherheitspolitik, der den einzelnen Regionen die Freiheit gibt, ihre Angelegenheiten selbst zu regeln.

Bisher spricht in Europa nicht viel für einen solchen Trend, aber das wird sich laut Jiří bald ändern. Entscheidend wird angeblich das Referendum der Schotten im kommenden Jahr sein, wenn über den Verbleib bei Großbritannien entschieden werden soll. „Gewalt, wie sie beispielsweise die baskischen Seperatisten praktizieren, lehnen wir ab. Wir wollen den schottischen Weg gehen“, so Jiří. In Mähren selbst teilen aber noch nicht so viele Menschen diese Vision. Zur mährischen Nationalität bekannten sich bei der letzten Volkszählung nur 400000 Menschen – 1991 waren es noch über eine Million – , und die „Moravané“ haben außer einigen lokalen Gemeindevertretern keinen stärkeren politischen Einfluss. „Innerhalb von fünf Jahren ändert sich das“, hofft Jiří. „Die mährische Identität ist zweifelsohne sehr stark. Wir müssen das jetzt den Mährern nur in Erinnerung rufen.“

Der Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift „Respekt“


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