Was soll man mit einem Kind anfangen, das einen Menschen umgebracht hat? Dieses Thema bewegt heute die politische Szene Tschechiens. Von Zeitungen und aus dem Parlament kommen Vorschläge, wie man mit den minderjährigen Feinden der Gesellschaft umgehen soll. Der folgende Fall zweier solcher „kleiner Mörder“ bietet Inspiration.

Schock für das Land

Bei einem ihrer üblichen Streifzüge am Nachmittag in den Straßen von Česká Třebová stoßen die Brüder Lukáš (10) und Jan (8) Štarman auf einen Kinderwagen, der vor der Tür eines Plattenbaues abgestellt war. Als die Mutter des Kindes nach einer Weile von ihrem Besuch bei einer Freundin zurückkommt, findet sie ihre vier Monate alte Tochter nicht mehr. Zu diesem Zeitpunkt bringen die beiden Jungen das Kind bereits in eine verlassene Halle, ziehen es dort aus und machen sich dran, das Mädchen in einen Aufzugsschacht zu werfen. Im letzten Moment kann eine Gruppe von Jungs, die gerade auf Fahrrädern vorbeikommt, dies verhindern. Sie rufen die Polizei und die beiden Brüder gestehen, das sie versuchten, das Kind zu töten.

Das Land war geschockt: Man schrieb das Jahr 1996; damals war noch der Fall aus Großbritannien frisch in Erinnerung, als zwei zehnjährige Jungen ein zweijähriges Kind entführt und getötet haben. In den tschechischen Medien wurden damals dieselben Rufe laut wie heute, nachdem eine Gruppe von Jungen in Olešnice na Rychnovsku eine ältere Frau tötete und sich herausstellte, dass der seit Monaten gesuchte Mörder eines 13-jährigen Mädchens aus Kmetiněves bei Prag ihr Mitschüler war: Was soll man mit solch jungen Gewalttätern anfangen?

Spezielle Betreuung gefordert

Schaut man sich den Fall des Mordversuchs durch die Brüder Štarman genauer an, stellt man fest, dass der Hauptschuldige das Desinteresse gegenüber den Jungen war. Noch bevor sie den Säugling entführten, hatte die Schule klare Signale, dass die Jungen, aber auch ihre Eltern, mit Problemen zu kämpfen hatten. „Ich mag mich nicht“, schrieb der jüngere Jan einmal in einem Aufsatz; er stahl oft und steckte einmal ein Gartenhaus in Brand. Die Schule gab sich damit zufrieden, dass sie ihm in Betragen eine Drei ins Zeugnis schrieb. Die Eltern kümmerten sich nicht um die Kinder und waren oft nicht zu Hause; auch beim Elternsprechtag sah man sie nie. Dies alles wurde einem Team von Fachleuten vom diagnostischen Amt in Hradec Králové mitgeteilt: Sie schickten die beiden Jungen für fünf Jahre in ein Kinderheim in Kostelec nad Orlicí. Dort wurde ihnen keine Spezialbetreuung zuteil. „Sie hatten die gleiche Behandlung wie alle anderen“, sagt Heimdirektor Jan Vodička. In diesem Heim, in dem etwas mehr als 20 Jungen waren, lebten sie zu dritt in einem Zimmer, gingen in die örtliche Sonderschule und konnten, genau wie die anderen, den Rest ihres Tages selbst planen. Als sie 15 waren, kehrten sie auf Vorschlag der Pflegerin nach Hause zurück: Sie seien bereits umerzogen. „Sie haben einmal eine Grenze überschritten; das Verhalten der Jungen war sonst in Ordnung – sie rannten nicht davon, waren nicht aggressiv, also gab es keinen Grund, sie weiter hier zu behalten“, sagt Pflegerin Eva Janebová. Nach ihrer Entlassung interessierte das weitere Schicksal der Brüder Štarman die staatlichen Stellen nicht mehr. Niemand kümmerte sich um diese Jungen, die ein Viertel ihrer Kindheit in einem geschlossenen Heim verbrachten. Niemand sagte ihnen, wie sie sich wieder in ein Leben in Freiheit, fernab von Heimmauern, eingliedern können.

Bevor Lukáš und Jan nach Hause kamen, ließen sich ihre Eltern scheiden; ihre Mutter zog in ein kleines Dorf zu den Großeltern. Auch die Jungen zogen nach ihrer Entlassung dorthin und machten eine Lehre. Irgendjemanden von ihnen heute zu treffen, ist unmöglich. Die Mutter ist zu einem Freund am anderen Ende des Landes gezogen, Jan ging zu seinem Vater nach Česká Třebová und wo Lukáš seine Zeit verbringt, weiß auch die Großmutter nicht. „Im Heim wurden sie entschieden nicht gut behandelt. Sie wollen überhaupt nicht darüber reden“, erzählt Großmutter Hartmanová. „Aber beide waren schrecklich aggressiv, als sie kamen. Großvater versuchte, sich um sie zu kümmern. Er fuhr mit ihnen in die Felder, wo sie ihm halfen. Jan begann jedoch, unbeherrschbar zu werden, so haben wir ihn zu seinem Vater gebracht; sollte er sich doch mit ihm abgeben.“ Ein Jahr lang lebten die Jungen damals getrennt. Jan lernte angeblich Tischler und arbeitete manchmal für seinen Vater als Fahrer – doch keinen von beiden trifft man zu Hause an. Lukáš brach seine Lehre ab, ist arbeitslos und lebt von der Unterstützung seiner Großeltern. Seine Altersgenossen aus dem Dorf wissen nicht, wo er den ganzen Tag verbringt. Angeblich sei er meistens im Wirtshaus zu sehen.

Wenn der Vorschlag von Justizminister Pavel Němec, die Strafmündigkeit von Jugendlichen von derzeit 15 auf zwölf oder 14 Jahre herabzusetzen, Gesetz würde, kämen junge Leute wie Jan und Lukáš in ein Jugendgefängnis. „Die Kinder- und Jugendkriminalität stagniert zwar, aber ungeachtet der Tatsache, dass rund 5000 Straftaten von Kinder begangen werden, werden diese immer brutaler“, erklärt der Sprecher Petr Dimun die Logik des Ministervorschlags.

Lager mit Stacheldraht

Nach Meinung von Fachleuten wäre eine Spezialeinrichtung für problematische Kinder in Tschechien nötig. Gegenüber dem Vorschlag des Ministers haben Fachleute grundsätzlich Vorbehalte. „Sollte es im Heim keine gut ausgebildeten Experten geben, sollte es nur ein Lager mit Stacheldrat sein, dann ist das schlecht“, sagt der Psychologe Slavomil Hubálek. „Heute können wir Straftäter im Alter von 15 bis 18 Jahren nicht resozialisieren; 80 Prozent von ihnen werden rückfällig. Mit diesem Schritt würde der Teufelskreis nur noch geschlossener werden.“ Nach Meinung von Hubálek geht es im übrigen um etwas ganz anderes. „Die Zahl der Mordfälle hat sich bei uns seit der Revolution verdreifacht; es ist also kein Wunder, dass einer mal auch von einem Kind verübt wird. Anstatt Hysterie mit der Senkung der Altersgrenze für Strafmündigkeit zu verbreiten, sollten sich die Beamten eher auf den grundsätzlichen Wandel der Ursachen konzentrieren. Und beispielsweise die Zahl der Kinder in den Heimen verringern, Adoptionen unterstützen und Eltern bei Schwierigkeiten Hilfe anbieten.“

Ein Heim kann nicht gut erziehen – nach einer Umfrage vom vergangenem Jahr lebt nur ein Drittel derer, die in Kinderheimen aufgewachsen sind, ein „normales“ Leben: also ohne Schwierigkeiten, mit einer regulären Arbeit und einer Familie und einem einwandfreien Strafregister. Und hinter den Heimmauern enden oft Kinder aus armen und sozial schwachen Familien.

Nach Meinung von Věra Bechyňová von der Vereinigung Štrep (Splitter), die mit Risiko-Familien arbeitet, gibt es in Tschechien keine Heime, in denen jungen Verbrechern adäquate Hilfe angeboten wird. „Es sollten Einrichtungen sein, in denen zwei bis drei Kinder leben, wo auf die Ausbildung, aber auch auf die Therapie mit der Familie geachtet wird. Und sie sollten die Möglichkeit haben, Ausflüge zu machen, ins Kino zu gehen, oder Fußball zu spielen“, sagt Bechyňová. „Ich fürchte, dass das, was die Politiker jetzt vorbereiten, die Bedingungen dieser Kinder nur verschlechtern kann.“ Den Vorschlag des Ministers kritisiert auch Anna Šabatová: „Vier der sechs jugendlichen Täter, die in Olešnice eine ältere Frau umbrachten, lebten für kürzere oder längere Zeit im Erziehungsheim. Bevor sie dorthin kamen, lebten sie in kaputten Familien,“ schreibt Šabatová. „Wenn wir diese Wirkung von Ursache und Folge nicht durchbrechen, können wir ähnlich grausame Taten auch in Zukunft erwarten. Und da helfen uns weder festere Mauern noch strengere Heime.“

Tschechische Fassung hier.

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